Winterruhe und Winterstarre richtig vorbereiten, durchführen und beenden
Wenn im Herbst die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, verändert sich auch das Verhalten vieler Reptilien. Sie werden ruhiger, fressen weniger und ziehen sich zunehmend zurück.
Was wir umgangssprachlich häufig als „Winterschlaf“ bezeichnen, ist bei Reptilien je nach Art eine Winterruhe oder Winterstarre.
Für Arten, deren natürlicher Jahresrhythmus eine solche Ruhephase vorsieht, ist sie ein wichtiger Bestandteil der artgerechten Haltung. Sie sollte deshalb auch in menschlicher Obhut berücksichtigt werden.
Dabei gilt jedoch ein entscheidender Grundsatz:
Nur gesunde und parasitenfreie Tiere dürfen in die Winterruhe.
Ein krankes oder geschwächtes Tier kann dies nicht einfach „weg schlafen“ und kann erhebliche Probleme während der Winterzeit entwickeln.
1. Vor der Winterruhe steht der Gesundheitscheck
Die Vorbereitung auf „Entspannt in den Kühlschrank“ beginnt mehrere Wochen vor der eigentlichen Ruhephase.
Rechtzeitig vorher sollte das Tier von einem reptilienkundigen Tierarzt untersucht werden. Je nach Art und Vorgeschichte kann auch eine Kotuntersuchung auf Parasiten sinnvoll beziehungsweise erforderlich sein.
Besonders wichtig:
• Gesundheitszustand kontrollieren
• Parasiten ausschließen bzw. behandeln
• Ernährungszustand beurteilen
• Ausgangsgewicht dokumentieren
• Auffälligkeiten vor Beginn der Winterruhe abklären
Kranke, geschwächte oder stark untergewichtige Tiere gehören nicht in die Winterruhe.
Auch Tiere, bei denen während der Vorbereitung ungewöhnliche Symptome auftreten, sollten nicht einfach weiter abgekühlt werden.
2. Die Winterruhe beginnt nicht mit dem Ausschalten der Lampe
Eine häufige Vorstellung ist: Lampe aus, Tier in die Box – fertig.
So sollte es nicht sein.
Die Vorbereitung erfolgt schrittweise über mehrere Wochen.
Zunächst wird die Beleuchtungsdauer reduziert. Gleichzeitig wird die Wärmezufuhr langsam zurückgenommen.
Das Tier bekommt dadurch die Möglichkeit, seinen Stoffwechsel allmählich an die veränderten Bedingungen anzupassen.
Typischerweise verändert sich das Verhalten von selbst:
• Das Tier wird ruhiger.
• Es bewegt sich weniger.
• Es zieht sich häufiger zurück.
• Die Futteraufnahme nimmt ab.
• Schließlich wird die Nahrung häufig vollständig verweigert.
Diese Veränderungen sind grundsätzlich Teil der Vorbereitung – allerdings nur dann, wenn das Tier ansonsten gesund erscheint.
3. Fütterung und Verdauung
Mit sinkender Temperatur fährt auch der Stoffwechsel herunter.
Deshalb darf ein Tier nicht einfach weitergefüttert werden, während gleichzeitig die Temperatur immer weiter abgesenkt wird.
Die Fütterung wird entsprechend dem artspezifischen Vorbereitungsplan reduziert bzw. eingestellt, sodass genügend Zeit für die Verdauung bleibt.
Lange warme Bäder zum „Zwangsentleeren“ des Verdauungstraktes sollten nicht als pauschales Standardverfahren betrachtet werden. Die Bundestierärztekammer weist ebenfalls darauf hin, dass solche Maßnahmen für Echsen mit erheblichem Stress verbunden sein können.
Wasser sollte während der Vorbereitung weiterhin angeboten werden.
4. Die richtige Überwinterungstemperatur ist artspezifisch
Hier liegt einer der wichtigsten Unterschiede zwischen den verschiedenen Reptilienarten.
Eine Temperatur, die für eine Griechische Landschildkröte geeignet ist, kann für eine Bartagame oder einen Leopardgecko völlig ungeeignet sein.
Deshalb sollte niemals nach dem Prinzip „Reptilien brauchen im Winter ungefähr 5 °C“ gearbeitet werden.
Das Gegenteil ist der Fall: Die Zieltemperatur muss zur jeweiligen Art passen.
5. Bartagamen (Pogona vitticeps) und Leopardgeckos (Eublepharis macularius) – Winterruhe im Terrarium ist möglich
Bei Bartagamen und Leopardgeckos kann die Winterruhe grundsätzlich im Terrarium stattfinden.
Das ist sogar eine sehr praktische Lösung, wenn das Terrarium nicht in einen entsprechend kühlen Raum gestellt werden kann, ist eine Überführung in eine geeignete Überwinterungsbox möglich.
Für Bartagamen und Leopardgeckos eine Winterruhe bei ungefähr 15–20 °C sinnvoll und es empfiehlt sich, 20 °C nicht zu überschreiten.
Bei Leopardgeckos finden sich je nach Haltungskonzept etwas niedrigere Werte, beispielsweise etwa 15–18 °C am Tag und 10–12 °C in der Nacht.
Das zeigt bereits:
Es gibt nicht die eine Wintertemperatur für beide Arten.
Deshalb sollte die konkrete Temperatur anhand der Art, Herkunft, Haltung und tierärztlichen Empfehlung festgelegt werden.
Überwinterung direkt im Terrarium.
Wenn das Terrarium in einem geeigneten, ruhigen und kühlen Raum steht, können die Tiere dort bleiben.
Die Wärmelampen werden während der Winterruhe abgeschaltet. Auch die Beleuchtungsdauer wird schrittweise reduziert.
Das Tier kann sich in seinem gewohnten Versteck zurückziehen.
Ein Vorteil dieser Methode ist, dass das Tier nicht extra in eine Überwinterungsbox umgesetzt werden muss.
Voraussetzung ist allerdings, dass der Raum tatsächlich ausreichend kühl bleibt.
Nicht die Raumbezeichnung entscheidet – sondern die gemessene Temperatur.
Ein „ungeheiztes Zimmer“ kann im Winter durchaus 20 °C oder mehr erreichen. Dann ist es für eine richtige Winterruhe möglicherweise zu warm.
Deshalb sollte auch hier ein Thermometer eingesetzt werden, idealerweise mit Speicherfunktion oder Smartphone-Benachrichtigung.
6. Wann kommt eine Überwinterungsbox zum Einsatz?
Ist das normale Terrarienzimmer zu warm, kann das Tier für die Winterruhe in einen kühleren Raum umziehen.
Dafür kann eine geeignete Box oder ein kleineres Übergangsterrarium verwendet werden.
Das hat den Vorteil, dass das Tier gezielt in einer Umgebung mit geeigneter Temperatur untergebracht werden kann.
Auch hier gilt:
Nicht abrupt von warm auf kalt wechseln.
Die Temperatur wird stufenweise reduziert und das Tier bekommt Zeit, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen.
7. Griechische Landschildkröte – Winterstarre im Kühlschrank
Bei Europäischen Landschildkröten ist die Situation anders.
Für eine echte Winterstarre werden deutlich niedrigere Temperaturen benötigt.
Für die Griechische Landschildkröte wird häufig ein Bereich von ungefähr 4–6 °C verwendet.
Eine kontrollierte Kühlschranküberwinterung kann deshalb eine sehr gute Möglichkeit sein, die Temperatur konstant zu halten.
Die Schildkröte wird nach der mehrwöchigen Abkühlungsphase in eine geeignete Überwinterungsbox gesetzt.
Als Substrat können beispielsweise geeignete Erde bzw. Substratmischungen mit Kokoshums und Eichenlaub verwendet werden.
Die Schildkröte sollte sich zurückziehen und eingraben können.
Der Kühlschrank sollte ausschließlich für die Tiere verwendet werden.
Ein zusätzliches Thermometer ist Pflicht. Noch besser ist ein Gerät, das die Temperatur dokumentiert und bei Abweichungen alarmiert.
8. Kühlschrank oder draußen?
Bei Europäischen Landschildkröten gibt es neben der Kühlschranküberwinterung auch die Möglichkeit einer naturnahen Überwinterung im Freien.
Dafür ist allerdings eine entsprechend vorbereitete, frostsichere und vor Nagern geschützte Überwinterungsgrube erforderlich.
Eine normale Gartenfläche oder ein einfaches Frühbeet reicht dafür nicht automatisch aus.
Die beiden Methoden haben unterschiedliche Vor- und Nachteile.
Kühlschrank oder draußen – die Übersicht
| Kühlschrank | Draußen | |
| Temperaturkontrolle | sehr hoch | abhängig vom Wetter |
| Schutz vor Ratten | sehr gut kontrollierbar | muss baulich sichergestellt werden |
| Kontrolle des Tieres | einfach | schwieriger |
| Natürlicher Jahresrhythmus | weniger naturnah | sehr naturnah |
| Natürliche Schwankungen | gering | vorhanden |
| Technischer Aufwand | höher | geringer |
| Arbeit für den Halter | höher | geringer, wenn Anlage vorhanden |
| Strom erforderlich | ja | nein |
| Hauptrisiken | Technik, Stromausfall | Frost, Wärmeperioden, Feuchtigkeit, Prädatoren |
Beide Methoden können funktionieren. Entscheidend ist, welche Methode für die jeweilige Haltung zuverlässig und sicher umgesetzt werden kann.
9. Überwinterungsbox und Substrat
Bei Tieren, die in einer Box überwintern, sollte das Substrat den natürlichen Bedürfnissen der Art entsprechen.
Bei Landschildkröten kann beispielsweise geeignetes Substrat wie Kokoshums mit Eichenlaub verwendet werden.
Das Tier sollte sich zurückziehen und eingraben können.
Dabei gilt:
Feucht bedeutet nicht nass.
Zu nasses Substrat kann zu Schimmel führen.
Kleine oberflächliche Schimmelstellen können entfernt werden. Wenn Schimmel allerdings immer wieder auftritt oder sich stark ausbreitet, müssen Feuchtigkeit und Belüftung überprüft werden.
10. Kontrolle während der Winterruhe
Eine Winterruhe bedeutet nicht, dass das Tier monatelang komplett unbeobachtet bleibt.
Eine kurze regelmäßige Kontrolle etwa 1x pro Woche ist sinnvoll.
Dabei können kontrolliert werden:
• Temperatur
• Gewicht
• Augen
• Haut bzw. Panzer
• sichtbarer Allgemeinzustand
• Feuchtigkeit
• Substrat
• möglicher Schimmel
Die Kontrolle sollte kurz und möglichst störungsarm erfolgen.
Das Gewicht ist ein wichtiger Hinweis.
Das Gewicht vor Beginn der Winterruhe wird als Ausgangswert dokumentiert.
Ein Gewichtsverlust von mehr als 10 % des Ausgangsgewichts sollte als deutlicher Warnhinweis betrachtet werden.
Auch stark eingefallene Augen, deutliche Austrocknung, auffällige Veränderungen an Haut oder Panzer oder ein insgesamt ungewöhnlicher Zustand sind Gründe, die Winterruhe nicht einfach fortzusetzen.
Dann gilt:
Winterruhe langsam beenden und das Tier reptilienkundig untersuchen lassen.
11. Wann muss die Winterruhe beendet werden?
Nicht jedes Problem bedeutet automatisch, dass das Tier sofort aus der Kälte genommen werden sollte.
Bei deutlichen Auffälligkeiten sollte die Entscheidung jedoch nicht aufgeschoben werden.
Besondere Warnzeichen sind:
! Gewichtsverlust von mehr als 10 % zum Startgewicht
! stark eingefallene Augen
! deutliche Austrocknung
! auffällige Haut- oder Panzerveränderungen wie Rötungen
! ungewöhnliches Verhalten bzw. ungewöhnlicher Zustand
! nicht passende oder stark schwankende Temperaturen
Im Zweifel sollte immer ein reptilienkundiger Tierarzt hinzugezogen werden.
12. Wasserschildkröten – ein Sonderfall
Bei Wasserschildkröten darf man nicht von einer allgemeinen „Wasserschildkröten-Winterruhe“ sprechen.
Die Ansprüche unterscheiden sich je nach Art erheblich.
Eine Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) hält in Mitteleuropa eine ausgeprägte Winterruhe. In der Natur zieht sie sich im Herbst in geeignete, strukturreiche Gewässer zurück und beendet die Winterruhe je nach klimatischen Bedingungen zwischen Ende Februar und Mitte April.
Bei anderen Arten kann eine solche Winterruhe dagegen völlig unpassend sein.
Eine allgemeine Temperaturangabe für alle Wasserschildkröten wäre deshalb irreführend.
Bei Wasserschildkröten immer zuerst die genaue Art bestimmen und anschließend die Überwinterung artspezifisch planen.
13. Auswinterung – jetzt geht es wieder rückwärts
Eine erfolgreiche Winterruhe endet nicht einfach mit „Licht an“.
Auch die Auswinterung erfolgt schrittweise.
Das Prinzip lautet:
Kalt → etwas wärmer → wieder aktiv → mehr Licht → mehr Wärme → normale Haltung
Die Temperatur wird langsam angehoben.
Anschließend wird die Beleuchtungsdauer schrittweise verlängert und die Wärmezufuhr wieder aufgebaut.
Das Tier sollte Gelegenheit bekommen, seinen Stoffwechsel langsam wieder hochzufahren.
Bei Bartagamen und Leopardgeckos kann die Beleuchtung beispielsweise zunächst kürzer betrieben und anschließend schrittweise auf die normale Dauer verlängert werden.
Auch die Fütterung wird nicht sofort mit großen Portionen wieder aufgenommen.
Zunächst sollte das Tier wieder aktiv werden und trinken.
14. Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick
| Tier | Winterruhe | Temperatur Orientierung | Möglicher Überwinterungsort |
| Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni) | Winterstarre | ca. 4–6 °C | Kühlschrank oder geeignete frostsichere Außenanlage |
| Bartagame (Pogona vitticeps) | Winterruhe | ca. 15–20 °C, häufig um 18–20 °C | Terrarium in kühlem Raum möglich |
| Leopardgecko (Eublepharis macularius) | Winterruhe | artspezifisch, häufig etwa 15–18 °C bzw. nachts niedriger | Terrarium oder kühler Raum möglich |
| Wasserschildkröten | Winterruhe | Artspezifisch abhängig von der Art | Wasserbecken/Teich oder kontrollierte Innenüberwinterung |
Die genannten Werte sind Orientierungswerte und keine universelle Haltungsanweisung. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Überwinterungstemperatur an die jeweilige Reptilienart angepasst werden muss.
15. Die wichtigste Regel zum Schluss
Eine Winterruhe ist kein „Abschalten“ des Tieres.
Sie ist ein jahreszeitlicher Prozess, der langsam beginnt, kontrolliert durchgeführt und ebenso langsam beendet wird.
Der Ablauf lässt sich vereinfacht so merken:
Gesundheitscheck → Parasitenkontrolle → Gewicht dokumentieren → Licht reduzieren → Wärme reduzieren → Fütterung reduzieren/einstellen → Verdauung abschließen → langsam auf Zieltemperatur bringen → Winterruhe → regelmäßig kontrollieren → langsam erwärmen → Licht verlängern → zurück zur normalen Haltung
Und dabei sollte immer die Art im Mittelpunkt stehen.
Eine Griechische Landschildkröte braucht eine ganz andere Wintertemperatur als eine Bartagame. Eine Bartagame wiederum hat andere Anforderungen als ein Leopardgecko
– und bei Wasserschildkröten muss sogar innerhalb der Gruppe zwischen den Arten unterschieden werden.
Die beste Überwinterung ist deshalb nicht die mit der niedrigsten Temperatur, sondern diejenige, die den natürlichen und physiologischen Bedürfnissen der jeweiligen Art entspricht und vom Halter sicher kontrolliert werden kann.
➔ Grundsätzlich gilt: Keine Angst vor der Winterzeit, eine gute und sicherer Winterstarre ist möglich und sollte nicht aus Unsicherheit komplett vermieden werden.
Für weitere Informationen empfehlen wir auch die Seite der Auffangstation für Reptilien München e.V. → https://www.reptilienauffangstation.de/de/aktuelles-und-wissen/ratgeber
Tierärztin Inga von der Ohe